Kurswechsel gegen die Zukunft: Katherina Reiches fossile Energiepolitik
Von der versprochenen industriellen Transformation zur schrittweisen Demontage
Mitten in den entscheidenden parlamentarischen Beratungen zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG 2027) und dem sogenannten Netzpaket sorgte eine Nachricht aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) für Entsetzen in der gesamten Erneuerbaren-Branche. Klammheimlich löste das Ministerium zum 2. Oktober 2026 sein Referat für Wind-, Solar- und Transformationsindustrien auf.
Was von Ministeriumsseite sprachlos abgetan oder auf „aktuelle industriepolitische Prioritäten“ geschoben wird, ist keineswegs eine reine Verwaltungsmaßnahme. Es ist das sinnbildliche Ausrufungszeichen hinter einem Kurswechsel von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), der Deutschland zurück in fossile Abhängigkeiten steuert und die Zukunftsfähigkeit des Standorts gefährdet.
Die verwaiste Schlüsselstelle: Welche Aufgabe hatte das Referat IVD5?
Das aufgelöste Referat IVD5 („Wind-, Solar- und Transformationsindustrien“) war im Wirtschaftsministerium keineswegs ein Randbereich, sondern die zentrale Schaltstelle für die grüne Reindustrialisierung Deutschlands. Zu den Hauptaufgaben der Arbeitseinheit gehörten:
- Wiederansiedlung heimischer Produktion: Der Wiederaufbau und die Festigung einer eigenen Fertigung von Photovoltaik-Modulen und Windkraftkomponenten in Deutschland und Europa, um extreme Abhängigkeiten von Asien zu reduzieren.
- Förderprogramm-Management: Die operative Steuerung und Verwaltung spezifischer Förderprogramme zur Transformation der Energieindustrie.
- Resilienz und Lieferkettensicherheit: Die Absicherung kritischer Komponenten, Rohstoffe und Wertschöpfungsketten für Transformationstechnologien gegen globale Krisen und geopolitische Verwerfungen.
Dass ausgerechnet dieses Referat mitten in der schwersten Verunsicherung der Erneuerbaren-Branche aufgelöst und seine Aufgaben auf klassische Industriereferate(unter anderem auf das Referat „Energieintensive Industrien, Strompreiskompensation“ sowie das Referat „Investitions- und Konsumgüterindustrien, Stahl- und Metallerzeugung, Investitionsprüfungen“) zersplittert wurden, entbehrt nicht nur jeder Logik, sondern signalisiert das bewusste Abwenden von den Leittechnologien des 21. Jahrhunderts.
Wer ist Katherina Reiche? Eine Ministerin im Interessenskonflikt
Um die politische Tragweite dieser Entscheidung zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Akteurin an der Spitze des Ministeriums. Katherina Reiche legte eine steile politische und wirtschaftliche Karriere hin:
- Politische Stationen: Von 1998 bis 2015 saß Reiche für die CDU im Deutschen Bundestag. Unter den Umweltministern Norbert Röttgen und Peter Altmaier amtierte sie von 2009 bis 2013 als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium – wo sie bereits 2012 massivste Einschnitte bei der deutschen Solarförderung verteidigte.
- Der fliegende Wechsel in die Wirtschaft: 2015 verzichtete sie auf ihr Bundestagsmandat und wechselte direkt als Hauptgeschäftsführerin zum Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Ab 2020 übernahm sie den Chefposten bei der Westenergie AG, der größten Tochtergesellschaft des Energieriesen E.ON. Zudem leitete sie ab 2020 den Nationalen Wasserstoffrat der Bundesregierung.
- Lobbyismus im Ministeramt: Bis zu ihrer Ernennung zur Bundeswirtschaftsministerin im Kabinett Merz im Mai 2025 wurde Reiche im offiziellen Lobbyregister des Bundestags namentlich als Lobbyistin für die Westenergie AG geführt.
Kritiker werfen Reiche seit ihrem Amtsantritt vor, die Interessen der traditionellen fossilen Energiewirtschaft direkt in die Regierungspolitik zu übersetzen. Ihr im September 2025 vorgelegter 10-Punkte-Plan zur Energiewende wies in zentralen Passagen verblüffende inhaltliche und wortgleiche Überschneidungen mit Positionspapieren von RWE und E.ON auf. Zudem enthüllten Medienberichte, dass Reiche im Frühjahr 2026 beim Energiekonzern EnBW gezielt Argumente anforderte, um Batterie-Speicherkraftwerke gegenüber neuen Gaskraftwerken bei Auktionen zu benachteiligen.
Ein Muster fossiler Entscheide: Reiches Energiepolitik im Überblick
Die Auflösung des Transformationsreferats ist kein isolierter Vorfall, sondern reiht sich nahtlos in eine Kette fossiler und retrotechnologischer Weichenstellungen ein:
- Milliarden für neue Gaskraftwerke: Reiche forcierte den Neubau von Gaskraftwerkskapazitäten mit bis zu 35 Milliarden Euro staatlicher Subventionen.
- CERAWeek in Houston & Angriff auf Klimaziele: Auf der Energiekonferenz CERAWeek im texanischen Houston warb Reiche im März 2026 vor US-Öl- und Gasbossen für erweiterte LNG-Lieferungen, stellte das EU-Klimaziel für 2050 („Klimaneutralität“) offen infrage und forderte das Akzeptieren von Lücken beim Klimaschutz. Zudem torpedierte sie die EU-Methanverordnung zur Regulierung klimaschädlicher Gasemissionen – gegen ausdrückliche Absprachen in der Koalition.
- Die Mini-AKW-Propaganda (SMRs): Reiche erklärte den deutschen Atomausstieg wiederholt zur „schweren Fehlentscheidung“ und warb für sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Ein vertraulicher Bericht ihres eigenen Fachministeriums entlarvte diese Pläne jedoch kurz darauf als teure Illusion: SMRs seien weltweit nicht marktreif, ohne massive staatliche Subventionen nicht lebensfähig und teurer als erneuerbare Energien.
- Körperschnitt beim EEG 2027 und Netzpaket: Mit der Novelle des EEG 2027 plant Reiche die Streichung der festen Einspeisevergütung für kleine Photovoltaik-Dachanlagen sowie eine Verpflichtung zur Direktvermarktung. Das Netzpaket führt zudem einen umstrittenen „Redispatch-Vorbehalt“ ein, durch den Erneuerbare-Energien-Anlagen in Netzengpassgebieten bis zu 20 Prozent ihrer Erzeugung entschädigungslos abgeregelt werden können – ein eklatanter Eingriff in die Investitionssicherheit.
- Forschungskahlschlag & Datenlöschung: Im Bundeshaushalt 2027 kürzte das BMWE die Mittel für die angewandte Energieforschung um drastische 40 Prozent. Zuvor hatte Reiche bereits ökologische und soziale Wohlstandsindikatoren aus dem Jahreswirtschaftsbericht streichen lassen.
Wut und Entsetzen: Die Kritik von Verbänden und Politikern
Die Reaktion auf die Auflösung des Referats und den Kurs der Ministerin fällt vernichtend aus.
- Erneuerbaren-Verbände: BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser, BWE-Präsidentin Bärbel Heidebroek und BSW-Solar-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig erklärten gemeinsam, der Schritt komme zur „absoluten Unzeit“. Das BMWE verschließe die Augen vor dem Potenzial einer Branche mit über 436.000 Beschäftigten und versuche, die heimische Erzeugung absichtlich zu schwächen. Körnig warnte, dass den PV-Dachanlagen die Investitionsgrundlage entzogen werde, was die Nachfrage halbieren und zehntausende Arbeitsplätze gefährden könnte.
- Umweltverbände: Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), erinnerte mahnend an den früheren Kollaps der deutschen Solarindustrie durch verfehlte Politik. BUND-Chef Olaf Bandt bezeichnete Reiches Atomfantasien als gefährlichen Wiederaufguss alter Konzepte.
- Kritik aus den eigenen Reihen: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) richtete einen scharfen Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz. Günther zeigte sich „hochgradig irritiert“ über die Einschnitte bei Solardächern und Windkraft an Land und warnte eindringlich vor einem Tempoverlust bei der Energiewende. Eine erneute Abhängigkeit von fossilen Importen lade das Risiko künftiger Preiskrisen auf Bürger und Unternehmen ab.
Die Zeche zahlen künftige Generationen
Die Wende hin zu einer „Retro-Politik“ (Christian Stöcker) hat verheerende Spuren für die Zukunft:
- Verlust der technologischen Souveränität: Anstatt Zukunftsindustrien im Land zu halten, liefert die Politik Deutschland der Abhängigkeit von chinesischer Solartechnik und US-Flüssiggas aus.
- Lock-in-Effekte und Milliardenkosten: Wer zig Milliarden Euro in fossile Gaskraftwerke und abgewürgte Stromnetze pumpt, bindet Kapital, das für Speicher, Netzausbau und echte grüne Innovationen fehlt.
- Klimakrise und Ökonomische Fehlanreize: Das Abbremsen des Ausbaus erneuerbarer Energien gefährdet das Erreichen der Klimaziele für 2045/2050 eklatant. Die Zeche für künftige Klimaschäden, Altlasten und fossile Preisschocks wird unweigerlich auf jüngere und nachfolgende Generationen abgewälzt.
Zeit für eine Kurskorrektur
Die Auflösung des Referats für Wind-, Solar- und Transformationsindustrien ist kein Versehen – sie ist das Symbol einer verfehlten Energiepolitik, die Partikularinteressen der fossilen Vergangenheit über die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes stellt. Wer Zukunftsindustrien abwickelt, die Energieforschung zusammenschneidet und Bürgern die Beteiligung an der Energiewende erschwert, sägt an dem Ast, auf dem Deutschlands Wohlstand sitzt.
Deutschland braucht keinen Rückfall in Dampfturbinen und Importabhängigkeit, sondern verlässliche Rahmenbedingungen für saubere, heimische und preiswerte Energie.
Quellenangaben
- pv magazine Deutschland (07.10.2026): EEG 2027 und Netzpaket: Anhörungen durch – Referat aufgelöst.
- Telepolis (08.10.2026): Reiche löst Referat für Wind- und Solarindustrie auf. Von Marcel Kunzmann.
- Klimareporter° (09.10.2026): „Wir kämpfen derzeit mit dem Rücken zur Wand“. Von Jörg Staude.
- Telepolis (27.09.2026): Katherina Reiche in Houston: Erklagte Dokumente zeigen fossilen Kurswechsel. Von Christoph Jehle.
- Telepolis (01.10.2026): Atomkraft-Comeback? Geheimpapier aus dem Ministerium blamiert Reiche. Von Christoph Jehle.
- Reuters / Table.Briefings (05.10.2026): Daniel Günther kritisiert Katherina Reiche wegen Energiepolitik scharf.
- Wikipedia (Stand 2026): Katherina Reiche – Biografischer Überblick und energiepolitische Stationen.







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