Die Kommunale Wärmeplanung (KWP) der Stadt Essen soll den Weg zur klimaneutralen Wärmeversorgung ebnen. BUND-Kreisgruppe Essen und NABU Ruhr sehen jedoch erhebliche Defizite in Transparenz, Verbindlichkeit und Zielklarheit.
Die Stellungnahme macht deutlich: Der aktuelle Entwurf bleibt aus Sicht der Umweltverbände hinter den Möglichkeiten und Anforderungen zurück – insbesondere für eine Stadt mit dem Anspruch der ehemaligen „Grünen Hauptstadt Europas“.
Positiv: Grundsätzlich richtige Richtung
Begrüßt wird, dass die Stadt Essen eine elektrifizierte und stärker netzgebundene Wärmeversorgung anstrebt. Auch die methodischen Herausforderungen einer kommunalen Wärmeplanung werden anerkannt.
Die Wärmewende ist komplex, da sowohl Wärmequellen als auch Verbraucherstrukturen mit Unsicherheiten behaftet sind. Dennoch darf Komplexität nicht zu Intransparenz oder mangelnder Verbindlichkeit führen.
Zentrale Kritikpunkte im Überblick
1. Fehlende Transparenz der Annahmen
Viele Berechnungsgrundlagen und Kalkulationsmethoden sind im Bericht nicht offengelegt. Dadurch können weder Politik noch Öffentlichkeit nachvollziehen, ob die Planungen realistisch sind.
Beispielhaft wird die Bewertung von Abwasserwärme kritisiert, bei der wesentliche Akteure wie der Ruhrverband nicht ausreichend berücksichtigt wurden.
2. Keine Szenarien – keine Vergleichbarkeit
Der Wärmeplan enthält keine alternativen Entwicklungsszenarien. Dadurch bleibt unklar, wie ambitioniert die Zielsetzungen tatsächlich sind und welche Optionen bestehen, falls einzelne Maßnahmen nicht wie geplant umsetzbar sind.
3. Widerspruch beim Zieljahr der Klimaneutralität
Ein besonders kritischer Punkt betrifft das Zieljahr. Während der Rat der Stadt Essen Klimaneutralität bis 2035/40 beschlossen hat, orientiert sich die Wärmeplanung am Jahr 2045.
Aus Sicht von BUND und NABU stellt dies faktisch eine „heimliche“ Abschwächung bestehender Ratsbeschlüsse dar, ohne dies transparent zu machen.
4. Fehlende konkrete Umsetzungsstrategie
Das Wärmeplanungsgesetz fordert eine klare Umsetzungsstrategie mit konkreten Maßnahmen. Diese sehen die Verbände im Entwurf nicht ausreichend ausgearbeitet.
Gefordert werden messbare Zwischenziele, Meilensteine im Zwei-Jahres-Rhythmus sowie ein differenziertes Controllingkonzept.
5. Unsicherheiten beim Fernwärme-Ausbau
Geplant sind rund 424 Kilometer neue Fernwärmeleitungen.
Offen bleibt jedoch, wie diese in dicht bebauten Stadtgebieten realisiert werden sollen – insbesondere angesichts paralleler Großprojekte wie Brückensanierungen, Kanalerneuerungen und Maßnahmen zur Klimaanpassung.
Hier fehlen frühzeitige Planungsstrukturen und abgestimmte Zeitpläne.
6. Dekarbonisierung der Fernwärme unklar
Ein großer Teil der aktuellen Fernwärmeversorgung basiert weiterhin auf fossilen Quellen.
Ein verbindlicher Zeit- und Maßnahmenplan zur Dekarbonisierung fehlt bislang. Ohne klare Angaben der Versorgungsunternehmen bleibt der Transformationspfad nicht überprüfbar.
7. Zukunft des Gasnetzes ungeklärt
Der angekündigte Rückbau des Gasverteilnetzes wird im Wärmeplan nicht konkretisiert.
Für Eigentümerinnen und Eigentümer ist jedoch entscheidend zu wissen, wann mit einem Rückbau zu rechnen ist und wie sich künftig Infrastrukturkosten verteilen werden.
8. Wasserstoff kritisch bewertet
Die Idee eines Wasserstoffnetzes wird von BUND und NABU kritisch gesehen.
Angesichts der geringen Marktreife und hoher Kosten erscheint Wasserstoff derzeit nicht geeignet für eine flächendeckende Wärmeversorgung. Studien, unter anderem des BDEW, untermauern diese Zweifel.
9. Soziale Dimension unzureichend berücksichtigt
Die Wärmewende muss sozialverträglich gestaltet werden.
Gefordert werden gezielte Unterstützungsangebote für einkommensschwache Haushalte sowie eine aufsuchende Beratung auf Quartiersebene. Zudem müsse die personelle Ausstattung in der Verwaltung gestärkt werden.
10. Beteiligungsverfahren zu knapp bemessen
Das Offenlegungs- und Beteiligungsverfahren wird als zeitlich unzureichend bewertet.
Angesichts der Tragweite der Wärmeplanung für Bürgerinnen und Bürger sei eine intensivere Beteiligung notwendig.
Konkrete Forderungen für Nachbesserungen
BUND und NABU fordern unter anderem:
- Verbindliche Pfade für dezentrale Nahwärmenetze
- Systematische Integration von Abwasserwärme
- Ein adressscharfes Online-Informationssystem
- Ein Maßnahmenkonzept nach SMART-Kriterien mit klaren Zuständigkeiten
- Transparente Budgetierung aller Maßnahmen
Zudem empfehlen die Verbände dringend, die Beratungsunterlagen vor der politischen Beschlussfassung zu ergänzen.
Fazit
Die Kommunale Wärmeplanung ist ein zentraler Baustein für die Klimaneutralität in Essen.
BUND und NABU sehen gute Ansätze, aber erhebliche Defizite bei Transparenz, Verbindlichkeit und Zielklarheit. Gerade angesichts der ambitionierten Klimaziele der Stadt muss der Wärmeplan aus Sicht der Umweltverbände deutlich nachgeschärft werden.






