Was wäre, wenn der Weg zur Schule nicht von Autoverkehr, Lärm und Abgasen geprägt wäre, sondern von mehr Platz zum Gehen, Spielen und Verweilen? Paris zeigt seit einigen Jahren, wie eine solche Veränderung im Kleinen beginnen kann: mit den sogenannten „rues aux enfants“ – Straßen für Kinder.
Das Konzept wurde zunächst im Zuge des Pariser Corona-Lockdowns erprobt. Ziel war es, die Wege zu Schulen sicherer zu machen, die Luft- und Lebensqualität zu verbessern und öffentlichen Raum zurückzugewinnen. Inzwischen ist daraus ein stadtweites Programm geworden. Nach Angaben der Stadt Paris waren zur Einschulung 2025 bereits mehr als 300 Straßen im Umfeld von Grund- und Vorschulen verkehrsberuhigt – etwa die Hälfte aller entsprechenden Schulen. Rund 100 dieser Straßen wurden zusätzlich baulich umgestaltet und begrünt. Quelle: Ville de Paris
Was verändert sich konkret?
Nicht jede „Straße für Kinder“ sieht gleich aus. Wo es möglich ist, werden Straßen mit mobilen Absperrungen für den motorisierten Durchgangsverkehr geschlossen. Rettungsdienste und notwendige Dienstleistungen bleiben erreichbar.
Wo eine vollständige Sperrung – etwa wegen Zufahrten zu Garagen oder Lieferverkehr – nicht möglich ist, gilt eine andere Regel: Der motorisierte Verkehr wird stark eingeschränkt, und Fußgängerinnen und Fußgänger haben Vorrang.
Einige Straßen erhalten darüber hinaus eine dauerhafte Gestaltung: helle Bodenbeläge, neue Aufenthaltsflächen und – wenn die technischen Voraussetzungen gegeben sind – entsiegelte Flächen, Bäume und andere Begrünung. Damit soll nicht nur der Schulweg sicherer werden. Die neuen Freiräume können auch zum Spielen, Treffen und Verweilen genutzt werden. Die Begrünung trägt außerdem dazu bei, sommerliche Hitze in der Stadt zu reduzieren.
Von der Schulstraße zum Stadtwandel
Interessant ist dabei vor allem der Perspektivwechsel: Eine Straße wird nicht mehr ausschließlich als Verkehrsweg betrachtet. Vor einer Schule kann sie vielmehr Lebensraum für Kinder und Nachbarschaft sein.
Das Pariser Beispiel zeigt, dass Stadtwandel nicht immer mit großen Neubauprojekten beginnen muss. Manchmal reicht zunächst eine vergleichsweise einfache Frage: Wem soll der öffentliche Raum eigentlich dienen?
Aus einer einzelnen verkehrsberuhigten Straße kann so ein Experiment für die ganze Stadt werden. Paris hat den Ansatz seit 2020 Schritt für Schritt ausgeweitet.
Quelle: Ville de Paris – „Plus de 300 rues aux enfants dans Paris“. Die historische Angabe von 57 neuen Straßen bezieht sich auf die Einführung zur Einschulung 2020; inzwischen ist das Programm deutlich gewachsen. (Paris)
Was können wir daraus für unsere Städte lernen?
Natürlich lassen sich Pariser Lösungen nicht eins zu eins auf deutsche Städte übertragen. Verkehrsstrukturen, Zuständigkeiten und Bedürfnisse der Anwohnerinnen und Anwohner unterscheiden sich.
Aber das Prinzip lädt zur Diskussion ein: Wie viel Platz brauchen Kinder im öffentlichen Raum – und wie viel Platz beansprucht das Auto?
Könnten auch in unseren Städten Straßen vor Schulen zeitweise oder dauerhaft autofrei werden? Was würde sich verändern, wenn gewonnene Flächen nicht nur abgesperrt, sondern tatsächlich begrünt und als Aufenthaltsräume gestaltet würden? Und welche Lösungen funktionieren dort, wo Anwohnerzufahrten, Lieferverkehr oder andere Interessen berücksichtigt werden müssen?
Paris liefert darauf keine fertige Blaupause. Aber die Stadt liefert ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie mehr Sicherheit, Klimaanpassung, Aufenthaltsqualität und eine kindgerechte Stadtentwicklung miteinander verbunden werden können.
Was meint ihr: Brauchen wir mehr „Straßen für Kinder“ auch bei uns? Welche Straße in eurer Stadt wäre dafür ein guter Anfang?







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