Hitzegerechtigkeit: Warum extreme Hitze nicht alle Menschen gleich trifft

30 Grad sind für alle 30 Grad – könnte man meinen. Doch die Auswirkungen extremer Hitze hängen stark davon ab, wo und wie Menschen leben, arbeiten und wohnen.

Wer in einem gut gedämmten Gebäude mit Klimaanlage arbeitet, flexible Arbeitszeiten hat oder sich eine wirksame Kühlung leisten kann, ist anders geschützt als Menschen, die auf dem Bau arbeiten, in schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen leben oder sich eine Klimaanlage nicht leisten können. Genau hier setzt das Konzept der Hitzegerechtigkeit an: Es fragt nicht nur, wie heiß es an einem Ort ist, sondern auch, wer sich tatsächlich vor der Hitze schützen kann.

Hitze ist auch eine soziale Frage

Wissenschaftler:innen der ETH Zürich, des Wasserforschungsinstituts Eawag und weiterer Institutionen beschreiben diese Perspektive unter dem Begriff „Thermal Justice“ – thermische Gerechtigkeit. Extreme Hitze soll demnach nicht ausschließlich als meteorologisches oder gesundheitliches Problem betrachtet werden. Entscheidend ist vielmehr, ob Menschen während einer Hitzewelle weiterhin sicher schlafen, arbeiten, sich bewegen, andere versorgen und gesund bleiben können.

Die Forschenden unterscheiden dabei fünf zentrale Dimensionen: eine gerechte Verteilung von Hitzebelastungen und Kühlmöglichkeiten, die Berücksichtigung struktureller Benachteiligungen, die Beteiligung der Betroffenen an Entscheidungen, sichere Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie den Schutz von Ökosystemen und zukünftigen Generationen.

Wie ungleich die Möglichkeiten sind, zeigt sich schon im Arbeitsalltag. Wer seine Arbeitszeit flexibel gestalten kann, kann körperlich anstrengende Tätigkeiten in kühlere Morgen- oder Abendstunden verlegen. Beschäftigte im Freien oder in aufgeheizten Hallen haben diese Möglichkeit häufig nicht. Auch eine kühle Wohnung ist keine Selbstverständlichkeit. Gerade ältere oder allein lebende Menschen können bei langanhaltenden Hitzeperioden zusätzliche Unterstützung benötigen.

Nicht jede technische Lösung ist automatisch gerecht

Klimaanlagen können Innenräume schnell abkühlen, lösen das Hitzeproblem aber nicht grundsätzlich. Sie geben Wärme nach außen ab, erhöhen den Stromverbrauch und sind für Haushalte mit geringem Einkommen unter Umständen schwer finanzierbar. Auch Kühlsysteme, die große Mengen Wasser benötigen oder von einer stabilen Stromversorgung abhängig sind, können neue Probleme schaffen.

Die Forschenden sprechen deshalb von einer Verlagerung von Hitzebelastungen: Eine Maßnahme kann einer Gruppe helfen, gleichzeitig aber andere Menschen, andere Stadtteile, Ökosysteme oder zukünftige Generationen stärker belasten. Bei der Planung von Klimaanpassungsmaßnahmen sollte deshalb immer gefragt werden: Wer profitiert – und wer trägt die Kosten oder neuen Risiken?

Stadtgrün ist wichtig – aber allein nicht ausreichend

Bäume, Parks und andere Grünflächen gehören zu den wichtigsten Maßnahmen gegen urbane Hitze. Sie spenden Schatten und können das Mikroklima verbessern. Doch auch hier kann ein unbeabsichtigter Nebeneffekt entstehen: Wird ein zuvor wenig attraktives Viertel durch Begrünung und andere Klimaanpassungsmaßnahmen aufgewertet, können Grundstücks- und Mietpreise steigen. Einkommensschwächere Bewohner:innen könnten dadurch verdrängt werden.

Das wäre besonders problematisch, wenn ausgerechnet diejenigen Menschen, die besonders unter Hitze leiden, das aufgewertete und kühlere Viertel verlassen müssen und anschließend in weniger grüne und stärker aufgeheizte Stadtteile ziehen. Hitzeschutz ist deshalb untrennbar mit sozialer Wohnungspolitik und einer gerechten Stadtentwicklung verbunden.

Was eine gerechte Hitzevorsorge leisten muss

Während akuter Hitzewellen braucht es zunächst niedrigschwellige und für alle zugängliche Schutzmöglichkeiten. Dazu gehören öffentliche, möglichst barrierefreie kühle Räume, schattige Wege zu wichtigen Einrichtungen, Schutzkonzepte für Menschen, die im Freien oder in heißen Innenräumen arbeiten, sowie bezahlbare Möglichkeiten, Wohnungen kühl zu halten.

Die eigentliche Vorsorge muss allerdings zwischen den Hitzewellen stattfinden. Städte können Gebäude energetisch und sommergerecht sanieren, Parks und Gewässer ausbauen, Bäume an geeigneten Standorten pflanzen und vorhandenes Stadtgrün erhalten. Gleichzeitig müssen sie darauf achten, dass Klimaanpassung nicht zur Verdrängung der bisherigen Bevölkerung führt. Betroffene Menschen sollten deshalb in Entscheidungen über Stadtplanung und Hitzeschutz einbezogen werden.

Damit verändert sich auch die Frage, woran erfolgreicher Hitzeschutz gemessen wird. Es reicht nicht, die Zahl neu gepflanzter Bäume, eingerichteter Kühlräume oder ausgegebener Hitzewarnungen zu zählen. Entscheidend ist, ob Menschen und Ökosysteme besser mit hohen Temperaturen zurechtkommen, ohne dass die Belastungen einfach auf andere Gruppen oder Orte verschoben werden.

Welche Stadtteile in Essen sind besonders belastet?

Die städtische Klimaanalyse Essen 2022 zeigt, dass sich hitzegefährdete Bereiche vor allem in dicht bebauten und stark versiegelten Stadtteilen konzentrieren. Dabei ist wichtig: Die Stadt weist nicht einfach ganze Stadtteile pauschal als „heiß“ aus. Die Problemgebiete der Hitzebelastung wurden kleinräumig auf Baublockebene ermittelt und berücksichtigen neben der thermischen Belastung auch Bevölkerungsdichte, Altersstruktur und sensible Einrichtungen. (Essen Media)

Besonders belastete Bezirke

Die Klimaanalyse nennt insbesondere Borbeck-Mitte, Bochold, Altenessen, Katernberg, Kray und Steele als räumliche Konzentrationen von Problemgebieten im Norden und Osten Essens. Im zentralen Bereich fallen Altendorf, Holsterhausen, Süd-/Südostviertel, Stadtkern und Nordviertel auf. In Frohnhausen und Rüttenscheid kommen häufiger hitzegefährdete Baublöcke hinzu, in denen zugleich ein höherer Anteil älterer Menschen lebt.

Auch einige südliche Stadtteile sind betroffen, allerdings sind die Problemgebiete dort meist kleinräumiger: Kettwig, Werden, Heisingen, Kupferdreh und Überruhr. Hier spielt laut Klimaanalyse insbesondere die Altersstruktur eine Rolle.

Besonders relevant: Altendorf bis Südostviertel

Die Stadt Essen beschreibt auf ihrer aktuellen Informationsseite zum Stadtklima einen breiten, besonders belasteten Siedlungsbereich: Die Innenstadt und dicht bebauten Stadtteile, die sich von Altendorf bis zum Südostviertel halbkreisförmig um die City ziehen, weisen im Sommer eine starke Überwärmung am Tag und eine geringe nächtliche Abkühlung auf. (Essen)

Das ist für die Gesundheit besonders relevant, weil gerade die fehlende nächtliche Abkühlung problematisch ist. Während einer Hitzewelle können sich dicht bebaute Quartiere über mehrere Tage aufheizen; sogenannte Tropennächte mit Temperaturen über 20 °C erschweren dann die für die Erholung wichtige nächtliche Abkühlung. (webapps-extern.essen.de)

Wo ist die Belastung geringer?

Deutlich günstiger sind dagegen aufgelockerte Stadtteile am Stadtrand und in der Nähe größerer Freiräume. Die Stadt nennt beispielsweise Heidhausen, Schönebeck und Freisenbruch als Bereiche mit günstigem Stadtrandklima. Die großen zusammenhängenden Frei- und Waldflächen im Essener Süden sind zudem wichtige Frisch- und Kaltluftentstehungsgebiete für den klimatischen Ausgleich.

Fazit

Hitzegerechtigkeit bedeutet: Klimaanpassung muss sozial gerecht sein. Menschen brauchen unabhängig von Einkommen, Wohnsituation oder Beruf eine realistische Möglichkeit, sich vor extremer Hitze zu schützen. Dafür braucht es kurzfristige Hilfen ebenso wie langfristige Investitionen in Gebäude, Stadtgrün, öffentliche Räume und sichere Arbeitsbedingungen – und eine Stadtplanung, die ökologische Verbesserungen mit bezahlbarem Wohnen verbindet.

Essener Hotspots sind nicht allein dort, wo es am heißesten ist. Besonders dringlich sind Bereiche, in denen hohe thermische Belastung mit einer hohen Bevölkerungsdichte und besonders empfindlichen Bevölkerungsgruppen zusammentrifft. In den Problemgebieten der Essener Klimaanalyse liegen beispielsweise 16 Krankenhäuser bzw. krankenhausähnliche Einrichtungen, 60 Senioren- und Pflegeeinrichtungen sowie 139 Kindergärten bzw. Kindertagesstätten.

Das spricht dafür, Maßnahmen wie Baumerhalt, zusätzliche Verschattung, Entsiegelung, Begrünung, Regenwasserspeicherung und öffentliche Trinkwasserangebote gerade in diesen Quartieren zu priorisieren.

Quellen

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